Drei Fragen an das Kollektiv Gobo Performs

Drei Fragen an das Kollektiv Gobo Performs

Die emotionale und semantische Landschaft des Widerstands

Drei Fragen an das Kollektiv Gobo Performs

Ihr beschreibt, dass OUT LOUD – Resistance die Fortsetzung Eurer ersten Produktion OUT LOUD ist. Woher kam die Idee, einen zweiten Teil zu entwickeln? Wird etwas weitererzählt? Oder gibt es weitere Perspektiven?

Am Anfang von OUT LOUD haben wir uns gefragt, was passieren würde wenn Menschen eine Stimme bekommen, die gehört wird, weil sie etwas bedeutet. Ausgehend von dieser Frage haben wir angefangen, die Leben von Menschen zu beobachten, die sich durch eine unterirdische Welt bewegen, die von einer Stadt im Widerstand erbaut wurde. Unser theatralischer Ansatz ist ein Stückentwicklungsprozess, bei dem das Werk durch gemeinsames Denken und Schaffen kollektiv entwickelt wird. Uns wurde dabei sehr schnell klar, dass das Material, das wir generieren, viel zu reichhaltig ist, um in einem einzigen Stück untergebracht zu werden.

 

Dieser gemeinsame Schaffensprozess bietet die Möglichkeit, nach einer kollektiven Stimme zu suchen. Aus all dem gesammelten Material entstand allmählich eine mythische, mystische und alte Welt. So wurde Out Loud zu einer Trilogie. Das zweite Stück, Out Loud Resistance, zeigt die Menschen der widerständigen Stadt oberhalb der unterirdischen Welt im ersten Teil. Hier liegt der Fokus weniger auf der Stadt selbst oder dem, wogegen sie Widerstand leisten, sondern vielmehr darauf, was Widerstand für diejenigen bedeutet, die ihn leisten: wie sie mit Widerstand umgehen, wie sie ihren Weg darin finden oder wie sie sich darin verlieren.

 

In diesem Sinne basieren beide Werke auf zwischenmenschlichen Momenten und zeigen eher ein absurdes, kollektives Bewusstsein, als dass sie einer konventionellen dramatischen Struktur folgen. Der dritte Teil der Trilogie wird eine Rückkehr zu den Wurzeln sein. Die Erzählung bewegt sich also rückwärts und vervollständigt eine zirkuläre Struktur. Aus Sicht des Publikums kann jedes Werk unabhängig voneinander erlebt werden. Wir hoffen jedoch, die emotionale und semantische Landschaft des Widerstands in der heutigen desorientierten Welt weiter vertiefen zu können, während wir im Untergrund bleiben.

Interessant ist, dass Ihr das Kleine groß machen werdet – der Blick auf eine Miniatur soll das Große entdeckbar macht. Was reizt Euch an dieser Idee? Bzw. was hält sie an Potential für eine Erzählung auf der Bühne bereit?

Die Miniaturwelt ist aus der Grundidee des Theaters entstanden, das Welten entstehen lässt. Natürlich kann dies auch durch groß angelegte Bühnenbilder erreicht werden. Die Verkleinerung von etwas Großem begeistert uns, weil sie zeigt, wie wirkungsvoll Kleinigkeiten in einer Begegnung auf der Bühne sein können. Insbesondere in der Freien Szene zeigt sich, dass auch unter begrenzten Budget- und Zeitbedingungen die Vorstellungskraft groß ist; dass eine Welt manchmal nur so groß sein muss wie ein Tisch.

Aber diese Miniaturwelt hat auch eine spielerische und kindliche Dimension. Die Künstlerin, die diese Idee initiierte, schuf als Kind kleine Welten aus Erde und Schlamm und stellte sich in Miniaturräumen großartige Geschichten vor – eine Sensibilität, die diese Ästhetik direkt geprägt hat. Die Miniaturwelt erinnert uns nicht nur daran, wie wir uns als Menschen in diesem Universum positionieren könnten, sondern verstärkt diesen Effekt. Für das Publikum eröffnet sie einen Raum, in dem sowohl die Grenzen als auch die Grenzenlosigkeit der Vorstellungskraft gleichzeitig sichtbar werden.

Ihr habt Euch nun als Kollektiv neu gegründet, arbeitet aber schon länger in dieser Konstellation mit wechselnden künstlerischen Partner*innen zusammen. Woher kam jetzt die Entscheidung, sich als Kollektiv mit neuem Namen sichtbar zu machen?

Durch jedes Projekt, sei es die Zusammenarbeit mit neuen Menschen oder mit Künstler*innen, mit denen wir bereits zusammengearbeitet haben, lernten wir uns besser verstehen und erkannten unsere Gemeinsamkeiten. Dieser Prozess hat auch eines sehr deutlich gemacht: Innerhalb schnelllebiger Theaterarbeiten, die stark von Förderinstitutionen abhängig sind, in denen Werke in kurzer Zeit produziert und nur wenige Male aufgeführt werden, ist es schwierig, bestimmte kreative Ideen innerhalb einer kollektiven Struktur zu vertiefen.

 

Hier müssen wir Gobo Performs als Kollektiv neu denken. Im Theater ist ein Gobo ein Beleuchtungsgerät, das vor einer Lichtquelle platziert wird, um das Bild auf der Bühne zu rahmen oder zu formen. Für uns ist dieser Rahmen weder feststehend noch absolut. Im Gegenteil, er wird ständig neu geformt – von denen, die ihn verbiegen, von denen, die gemeinsam etwas schaffen, von den Menschen, die er umfasst, und von der Zeit, in der er existiert.

 

Wir verstehen „Slow Theatre“ als einen Ort, an dem Menschen, die sich durch jedes Projekt besser kennenlernen, nach und nach eine gemeinsame Theater-Sprache entwickeln können. Gleichzeitig suchen wir in einer Zeit, in der die Ressourcen immer knapper werden, nach Wegen, uns als Team gegenseitig zu stärken und unsere Praxis gemeinsam aufrechtzuerhalten. Für das erste Projekt hatten wir noch keinen Namen, aber beim zweiten Projekt verspürten wir das Bedürfnis, dieser Struktur einen Namen zu geben und ihr zu ermöglichen, zu wachsen und sich zu erweitern. Wir verstehen ein Kollektiv nicht nur als Zusammenschluss, um ein Projekt nach dem anderen zu produzieren, sondern als einen Raum, um gemeinsam zu denken und sogar gemeinsam Widerstand zu leisten. In diesem Sinne hoffen wir, dass unsere Praxis über die Produktion von Bühnenwerken hinausgehen kann.

Die Fragen stellte Esther Holland-Merten.