Drei Fragen an Martin Gruber

Drei Fragen an den Regisseur & Autor Martin Gruber

Wie kam es zur inhaltlichen Idee Eurer neuen Produktion SPEED (KILLS CONTENT)? Es ist ja ein sehr sprechender Titel.

Was ich ringsum und mehr denn je vernehme, ist eine massive, gleichzeitig diffuse Zukunftsangst. Da gibt es zunächst einmal die bekannten Bedrohungen von außen. Kriege, oder drohende Kriege, Klimawandel und eine auf dem Prüfstand stehende Demokratie. Was sich in der Folge hier breitzumachen scheint, ist, angesichts dieser Drohkulissen, eine schwer zu greifende Machtlosigkeit des/der Einzelnen. Hinzu kommt freilich, damit wären wir beim aktuellen Stück, der ganz individuelle Kampf mit dem Alltag. Und der wird immer stressiger. Teuerung, ein Wohnungsverlust, die in die Hose gegangene Beziehung oder die Sehnsucht nach einer neuen. Der erträumte Job, den man doch nicht bekommen hat. Das stresst. Diese Überforderung wird nun einfach mit Tempo kompensiert. Alles wie bisher, nur schneller. Speed als Angstverdränger sozusagen. Das funktioniert natürlich nicht. Eh klar. 

Wie kann man sich Eure Arbeitsweise vorstellen, wenn Ihr die neue Produktion damit ankündigt, dass Ihr „in der Vergangenheit Eurer letzten Stücke surft“. Ist das inhaltlich oder formal gemeint? Oder nochmal ganz anders?

In der Überforderung neigen wir bekanntlich dazu, auf Strategien zurückzugreifen, die wir schon kennen. Was waren denn die Konzepte der einzelnen Mitwirkenden den Alltag zu meistern? Wo drehen wir uns im Kreis? Wo sind wir letztes Jahr oder vor fünf Jahren schon angestanden? Wir haben also einige bestehende Texte früherer Stücke durch den Wolf gedreht. Das war dann die Grundlage für weitere neue Texte. Der Ansatz war, wie immer, keine in Figuren oder Dialoge gegossenen Weisheiten ins Publikum zu schleudern. Vielmehr ging es darum, eine Sprache zu entwickeln, die so „pur“ – um nicht zu sagen naiv – ist, dass sie nicht nur aus dem Mund, sondern aus dem Körper zu kommen scheint. Da alles geskriptet sowie rhythmisiert ist und in erster Linie – zusammen mit Musik und Choreografie – von der Montage lebt, möchte ich aber nicht von authentisch sprechen. Vielmehr geht es um Verdichtungen, die jene Prozesse beim Publikum auslösen dürfen, mit denen wir uns beim Erarbeiten der Performance auch auseinandergesetzt haben. 

Abschließend noch eine andere Frage: Mit Eurer Produktion ALL ABOUT ME wart Ihr im letzten Herbst nach New York eingeladen. Wie habt Ihr die Atmosphäre dort empfunden? Sind die politisch angespannten Zeiten vor Ort spürbar und wie hat das Publikum auf das Stück reagiert?

Das etwas unscharf als postdramatisch bezeichnete Theater (wenn schon, müsste es post-postdramatisch heißen), das wir machen, ist man am Off-Broadway ja nicht unbedingt gewohnt. Da geht es normalerweise, sagen wir, etwas gediegener zu. Dementsprechend war dann auch die Triggerwarnung zu unserem Stück am Ticketschalter. Das fing an mit „Vomiting", also das auf der Bühne gekotzt wird, und hörte mit „Nudity" auf. Was wir aber knapp nach den Aufführungen erleben durften, war ein sehr emotionalisiertes und zu unserer Freude, begeistertes Publikum.

Ganz ähnlich wie in Wien, war das Bedürfnis sich über die politische Lage, also den Rechtsruck, in den USA, aber eben auch in Europa, auszutauschen, ein sehr großes. Angesichts unseres Angebots, Platz für Austausch im analogen Raum des Theaters zu bieten, scheinen die Bedürfnisse hier und jenseits des Atlantiks die gleichen zu sein. Es wurde auch nahezu bei denselben Stellen in „All about me“ gelacht und auch geweint. Was bleibt, hüben wie drüben, ist eine, manchmal auch unausgesprochene, Sehnsucht nach dem Miteinander. Wohl die einzige Kraft, die auch auf größerer Ebene das Zeug dazu hat, die Dinge zum Besseren zu wenden. 

Die Fragen stellte Hannah Lioba Egenolf.